Oder: Warum Kofferschlösser die größte Sicherheitsillusion seit "Passwort123" sind
Es war ein ganz normaler Samstagnachmittag. Ich war gerade von meinem Spaziergang zurück, einen Podcast noch in den Ohren, die Couch rief meinen Namen. Dann klingelte mein Handy. Meine Mutter. Zum zweiten Mal. Und wer Eltern mit fast 80 hat, weiß: Beim zweiten Anruf wird's ernst.
"Ich komme nicht mehr in meinen Koffer!"
Mein erster Gedanke: Hat sie sich irgendwie hineingesetzt? Nein. Das Zahlenschloss war eingeschnappt. Einer der beiden Verschlüsse ihres nagelneuen Koffers mit TSA-Schlössern. In zwei Tagen wollte sie verreisen, alles war gepackt, aber jetzt saß sie vor einem verschlossenen Koffer wie vor einem Safe aus einem Heist-Movie.
Die Ironie des Tech-Affinen
Kleine Ironie am Rande: Ich bin derjenige, der sogar seine Koffercodes in 1Password speichert. Der sich schon mal TSA-Universalschlüssel bei Amazon ansieht, "nur für den Notfall". Der YouTube-Tutorials schaut, bevor er überhaupt ein Problem hat.
Und dann ruft meine 78-jährige Mutter an und zeigt mir, wie man YouTube wirklich nutzt?
Sie hat also YouTube aufgemacht. Und genau dort liegt die Geschichte – und die Lösung für jeden, der jemals vor einem verschlossenen Koffer stand.
Das Video
Sekunden später vibriert mein Handy. WhatsApp. Ein Video.
Ich drücke Play.
Ein Typ steht vor zwei Koffern. Keine Intro-Musik. Kein Gequatsche. Er holt sein Handy raus, schaltet die Taschenlampe ein und beugt sich über das erste Schloss.
"Ihr braucht nichts außer euren Augen", sagt er.
Dann dreht er das erste Rädchen. Langsam. Stoppt. Dreht weiter. Das zweite. Das dritte.
Dreißig Sekunden später: Klick.
Der Koffer ist auf.
Ich starre auf den Bildschirm. Das kann nicht sein Ernst sein.
Er macht das Ganze nochmal. Mit dem zweiten Koffer. Gleiche Methode. Wieder dreißig Sekunden. Wieder Klick.
"Funktioniert bei fast allen TSA-Schlössern", sagt er. "Ihr müsst nur wissen, wo ihr hinschauen sollt."
Ich spule zurück. Schaue es nochmal. Und nochmal.
Jedes Mal das gleiche Ergebnis: Ein verschlossener Koffer. Dreißig Sekunden. Offen.
Kein Werkzeug. Keine Gewalt. Nur Beobachtung.
Und plötzlich wurde mir klar: Jedes Kofferschloss, das ich je besessen habe, war eine Lüge.
Die Anleitung: So knackst auch du dein Kofferschloss in wenigen Minuten
Typ 1: Standard-TSA-Schloss (die häufigste Variante)
Schritt 1: Positionierung
Drehe den Koffer so, dass du von oben direkt auf die Zahlenscheiben schauen kannst. Du brauchst gutes Licht und eine gute Sicht auf die Spalten zwischen den Zahlenscheiben und dem Gehäuse.
Schritt 2: Die Kerben finden
Jetzt kommt der Trick: Drehe die erste Zahlenscheibe langsam durch alle Ziffern (0-9) und beobachte dabei den Spalt neben der Scheibe. Bei einer bestimmten Ziffer wirst du eine kleine Einkerbung oder Vertiefung im Spalt sehen.
Tipp: Die Zahlenscheibe hat etwas Spiel. Ziehe sie beim Drehen leicht nach vorne – das macht den Spalt größer und die Kerbe besser sichtbar.
Schritt 3: Alle Kerben ausrichten
Wiederhole Schritt 2 für alle drei Zahlenscheiben. Wenn du alle Kerben gefunden hast und sie nach oben zeigen, hast du die Grundposition. In Fall meiner Mutter war das 682.
Schritt 4: Die magische Drehung
Achtung: Der Koffer lässt sich jetzt noch nicht öffnen! Die Kerben zeigen dir nur die Ausgangsposition.
Jetzt drehst du alle drei Scheiben gleichzeitig um eine Zahl weiter und probierst, den Koffer zu öffnen.
- 682 → 571 (einmal weiter)
- 571 → 460 (noch einmal weiter)
- usw.
Wiederhole das, bis das Schloss aufspringt. Meistens brauchst du 3 bis 5 Drehungen – abhängig von der inneren Konstruktion des Schlosses.
Zeitaufwand: 2-3 Minuten
Typ 2: Seitliche Spalten (etwas schwieriger)
Bei manchen Schlössern sind die Kerben nicht oben, sondern in einem Spalt neben der Zahlenscheibe. Hier gehst du ähnlich vor:
- Schaue von vorne/seitlich in den schmalen Spalt neben jeder Ziffer
- Suche die Einkerbung (manchmal hilft eine Taschenlampe)
- Optional: Mit einer Büroklammer oder Sicherheitsnadel kannst du die Scheibe leicht zur Seite schieben, um besser zu sehen
- Wieder alle Kerben ausrichten, dann schrittweise weiterdrehen
Bei diesem Typ dauert es etwas länger (ca. 5 Drehungen waren im Video nötig), aber das Prinzip ist identisch.
Was ich von meiner Mutter gelernt habe
Zurück zur Story: Meine Mutter und ich haben es per Videoanruf versucht. Zwei Rädchen haben wir geschafft, beim dritten haben wir kapituliert. Sie war zu aufgeregt und ihre Augen waren auch schon mal besser. Ich würde also bei ihr vorbeifahren.
Zehn Minuten später: Sie ruft wieder an. Freudige Stimme.
"Der Koffer ist auf!"
Was war passiert? Sie hatte sich das YouTube-Video nochmals in Ruhe auf dem Fernseher angeschaut (das hatte ich ihr grade letzte Woche noch eingerichtet), eine Lupe geholt und in aller Ruhe die Kerben gesucht. Und es hat funktioniert.
Meine Mutter. Mit YouTube, einer Lupe und Geduld. Ich bin bis heute stolz.
Die unbequeme Wahrheit über Kofferschlösser
Jetzt mal ehrlich: Nach diesem Erlebnis und dem Video habe ich mich gefragt:
Wozu gibt es diese Schlösser überhaupt noch?
- Du brauchst kein Werkzeug
- Du brauchst keine besonderen Fähigkeiten
- Du brauchst nur 2-5 Minuten Zeit
Jeder, der deinen Koffer am Flughafen oder im Hotel stiehlt, hat diese 2-5 Minuten. Die TSA hat sowieso Universalschlüssel. Und wenn du deinen Code vergisst, stehst du trotzdem blöd da (außer du kennst jetzt den Trick).
Kofferschlösser sind im Grunde Security Theatre – sie fühlen sich sicher an, sind es aber nicht. Wie die Sicherheitskontrolle am Flughafen, die deine Nagelschere konfisziert, während du mit deinem Laptop-Akku (weit gefährlicher) durchmarschierst.
Was bringt's dann?
Trotzdem: Ich werde meine Kofferschlösser nicht abmontieren. Warum?
- Gelegenheitsdiebe abschrecken: Die meisten Leute wissen den Trick nicht
- Verhindert versehentliches Aufgehen: Der Koffer springt nicht auf, wenn er unsanft behandelt wird
- TSA-Konformität: In den USA musst du TSA-Schlösser haben, sonst knacken sie den Koffer selbst
Aber ich mache mir keine Illusionen mehr. Das Schloss ist für den ehrlichen Finder, nicht für den entschlossenen Dieb.
Fazit: Die Lektion vom Samstagnachmittag
- YouTube ist eine Supermacht – für Menschen jeden Alters
- TSA-Schlösser sind Placebo-Sicherheit – fühlt sich gut an, schützt aber kaum
- Unterschätze nie deine Eltern – sie überraschen dich, wenn du es am wenigsten erwartest
- Mit einer Lupe und Geduld kriegst du (fast) jeden Koffer auf
Und jetzt du: Hast du schon mal deinen Koffercode vergessen? Oder – Hand aufs Herz – wirst du den Trick beim nächsten verschlossenen Koffer ausprobieren?
P.S.: Danke, Mama. Du bist die coolste 78-jährige Hackerin, die ich kenne.
Weiterführende Links:
- Das Original-YouTube-Video (725K Views – kein Wunder)
- Falls du doch einen TSA-Schlüssel willst: Amazon-Suche (ca. 10€)


